Also… es geht heute in Richtung der allgemeinen Debatte, im Stil von “Not all men, but always men.” Das bedeutet in unserem Fall “Nicht alle Hufebearbeitenden, aber fast immer die Hufbearbeitenden” – wobei es da zu Überschneidungen kommen kann.
So lautet nun mal die Antwort darauf, wer die Hufe bearbeitet hat, mit denen die Pferde allerorten zurechtkommen müssen. Dabei ist es egal, ob Zehen im Verhältnis zu wasauchimmer zu lang, zu kurz, zu steil oder die Trachten zu hoch oder zu flach sind und ob das Pferd barhuf oder beschlagen lahmt, unklar geht oder durch die Gegend stolpert. Bis auf die Fälle, in denen Vernachlässigung oder Do-it-yourself-Stümperei im Spiel ist, wurden die Hufe der lahmenden, fühligen Pferde von Profis so zugerichtet.
Meine Frage an die Zunft der Hufbearbeitenden ist, ob sich irgendjemand anschaut, wie die Pferde mit diesen Hufen unter den Reitenden laufen, ob sie nachfragen, ob das jeweilige Pferd in allen Gangarten und auf allen Untergründen klar läuft und ob sie sich bewusst sind, was klammes Gehen, Fühligkeit oder Lahmheit für das Pferd bedeuten? Ob sie sich anschauen, wie die von ihren Schülern bearbeiteten Pferde laufen, wie die nach ihren Theorien bearbeiteten Pferde laufen und ob sie jemals in Erwägung ziehen, dass ihre von ihnen selbst als segensreich empfundene Intervention Teil des Problems lahmender Pferde sein könnte? (Eine Intervention muss sich prinzipiell auch als Hypothese betrachten lassen, die scheitern kann. Wenn die Methode definiert, dass das Ergebnis richtig ist, sobald der Huf der Zeichnung entspricht, während Bewegungsverschlechterung als „Umstellung“, „Heilungsphase“, „Entgiftung“, „muss erst wachsen“ oder sonst etwas weginterpretiert wird, wird sie unfalsifizierbar. Und genau dann wird es für die Pferde fatal.)
Wann immer ich bis jetzt in Zusammenhang mit Posts über Hufbearbeitung nach Bewegungsvideos gefragt habe, um den Sinn und die Wirkung bestimmter Maßnahmen zu verstehen, wurde meine Bitte als persönlicher Affront gewertet. Auf den Fotos sei der Vorher-Nachher-Unterschied ja zu sehen und die Bearbeitung entspräche der Zeichnung. So ungefähr. Meine Erfahrung hat gezeigt, dass je invasiver die Bearbeitung ist, das Interesse an der Bewegungsqualität des Pferdes um so geringer ist.
Es ist ja nicht nur so, dass man die Pferde nicht reiten kann (was auch schon von Hufprofis als völlig abwegiges Unterfangen bezeichnet wurde), sondern die nach der Bearbeitung lahmen Pferde haben 24/7 Schmerzen. Das sehen die betreffenden Profis nicht, die sind ja in der Zeit nicht vor Ort. Aber diese Pferde haben Schmerzen, egal, ob sie geritten werden oder unauffällig im Weidezelt stehen.
Wer den Unterschied zwischen einem Pferd mit schmerzenden Hufen und einem, das voll zutritt, einmal unter dem Hintern gespürt hat, kann sich vorstellen, wie stark die Beeinträchtigung für das Pferd ist.
Dabei geht es ja nicht einfach um den “Nutzen”, den der Mensch vom Pferd hat. Es geht um die gesundheitlichen Folgen der schmerzbedingten Bewegungseinschränkungen. Schmerzende Hufe führen direkt in den PSFminus-Zyklus, also in den progressiven Struktur- und Funktionsverlust (https://www.die-pferde-sind-nicht-das-problem.de/progressiver-struktur--und-funktionswandel). Dieser schließt zahlreiche degenerative Erkrankungen des Bewegungsapparates ebenso ein wie zum Beispiel chronische Atemwegserkrankungen. Aus diesem degenerativen Prozess gibt es für die Pferde ohne eine Umstellung der Hufbearbeitung auf schmerzfrei und funktionell nach meiner Erfahrung kein Entkommen.
Hufgeometrie ist kein Schicksal. Der Huf ist eine hochgradig adaptive Struktur, die vor allem die hilfreichen Möglichkeiten benötigt und kein Zurechttrimmen auf ein Ideal. Mit dem Gebrauchshuf ist es ähnlich wie mit der Gebrauchshaltung: Winkel und Verhältnisse dienen der Orientierung, der Überprüfung der eigenen Arbeit und der Dokumentation der Entwicklung, aber nicht dem Erzeugen eines Idealzustandes. Und dennoch werden sich die verschiedensten Hufe und Pferde immer ähnlicher, je funktioneller sie sein dürfen.
Das Pferd beurteilt die Hufbearbeitung.
Auf wen der Text nicht zutrifft, der oder die muss sich auch nicht angesprochen fühlen und muss sich daher auch nicht verteidigen. Und wer einen Grund sieht, sich angesprochen zu fühlen, kann das gerne für sich behalten. Es reicht völlig, beim nächsten Pferd hinzusehen, wie es vor der Bearbeitung läuft und wie danach – und woran es liegen könnte, wenn es nachher schlechter geht.
