Die Rechnung stimmt

Maren Diehl • 15. August 2026
Wenn's löpt

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The math is right!
The paradigm should be discussed.

Ein auf Facebook veröffentlichter Text  von Mark Caldwell basiert auf Grundannahmen, die ich nicht teile (bekannt) und die sich vor allem im Sprachgebrauch zeigen (interessant). Deshalb versuche ich, den Unterschied in den Modellen und der Sichtweise darzustellen.

Der Autor anthropomorphisiert die Mechanik, indem er den Bodenreaktionskräften mit “they try to” eine Absicht zuzuschreiben scheint. Das Pferd hingegen wird als im Verteidigungsmodus befindlich beschrieben, es muss den wirkenden Kräften widerstehen, es muss die drohende Torsion in seinen unteren Gliedmaßen verhindern.

Die Eigenschaften der Bodenreaktionskräfte lassen sich allerdings aus ihrem Namen ablesen. Dieser beschreibt die REaktion des Bodens auf eine auf ihn einwirkende Kraft, wer oder was auch immer diese ausüben mag.

Um nun die Perspektive des Pferdes ebenso anthropomorphisiert darzustellen, könnte man sagen: In unserem Fall ist es das Pferd, das eine Kraftwirkung gegen den Boden ausübt.  

Da Pferde in der Interaktion mit nahezu jedwedem Boden hoch spezialisiert sind, sollte man davon ausgehen, dass die Bewegungsabsicht des Pferdes Bodenreaktionskräfte gezielt abfragen kann. Und dass es in dem Moment auf fast jede Antwort des Bodens vorbereitet ist. Das Pferd ist in meinen Augen nicht das vermeintlich störanfällige System, das versucht, die Angriffe der Bodenreaktionskräfte abzuwehren.

Das heißt nicht, dass Caldwells Drehmomentrechnung deshalb mathematisch falsch wäre. Wenn zu einem bestimmten Zeitpunkt eine resultierende Bodenreaktionskraft in einem bestimmten Abstand zum momentanen Gelenkzentrum wirkt, kann man daraus ein äußeres Gelenkmoment berechnen. Aber die Kausalgeschichte, die er daraus erzählt, ist viel stärker als die Rechnung selbst.

Um den “Ja – nein ‐‐ doch”-Zyklus in der Diskussion zwischen dem Modell der muskelbetriebenen Hebel und dem des vorgespannten, selbstorganisierten Systems zu durchbrechen, bräuchten wir jetzt einen Mathematiker oder Physiker, der ein Rechenmodell für ein lebendes, antizipatorisch gesteuertes, vorgespanntes Bewegungssystem liefert. Meine Frage lautet:

Wie stark ändern sich die berechneten Kraftpfade, die lokalen Sehnenkräfte und Gelenkmomente, wenn dieselbe Gliedmaße nicht als serielles Hebelsystem, sondern als vorgespanntes, gekoppelt verformbares Netzwerk modelliert wird?

Die equinen FE-Modelle, die solche Möglichkeiten bieten, behandeln Sehnen und Bänder zwar als zugbelastete Strukturen, aber sie modellieren die gesamte Gliedmaße meines Wissens noch nicht konsequent als ein kontinuierlich vorgespanntes Netzwerk, dessen globale Spannungsverteilung sich mit jeder Änderung in Haltung und Bewegung neu organisiert. Und dennoch kommen sie beispielsweise zu dem Ergebnis, dass ein steilerer Palmarwinkel die Belastung der Lamellenschicht erhöht und nicht, wie erwartet, senkt (Link).

Die Frage wäre also, wie zeitgemäß die Drehmomentberechnungen insbesondere in Zusammenhang mit der Hufbearbeitung noch sind.

Ich stimme mit den Schlussfolgerungen aus solchen Berechnungen wie der beschriebenen insoweit überein, als der halbwegs symmetrische Huf dem Pferd vermutlich die besten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Interaktion mit dem Boden bietet.

Es gibt aber noch einen weiteren interessanten Aspekt zur Interpretation von mathematischen Berechnungen: Wenn der Hufschmied oder Hufbearbeiter behauptet, nur eine ganz bestimmte Hufgeometrie ermögliche dem Pferd korrektes Funktionieren, weil es für seine mathematische Gleichung nur ein richtiges Ergebnis gibt, übernimmt er damit - als strukturelle Konsequenz seiner eigenen Modellannahme - implizit Verantwortung für das gesamte Bewegungsergebnis.

Wenn wir aber die Aufgabe der Hufbearbeitung darin sehen einen Huf übrigzulassen, der dem Pferd einen ausreichend großen funktionellen Lösungsraum lässt  - dann hängt die tatsächliche Entwicklung davon ab, wie das Pferd gehalten, trainiert und geritten wird und welche Bewegungsmuster es etabliert.
 

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