Materie besteht in erster Linie aus Zwischenräumen und die Studienlage zur Pferdeanatomie, Bewegungslehre und Huffunktion weist eine ausreichend große Zahl an Forschungslücken auf, dass sich vollständige neue Erklärungsmodelle darin unterbringen lassen, ohne mit den gesicherten Fakten in Wiiderspruch zu geraten.
Echt jetzt. Das ist wirklich so!
Der Grund, warum ihr gerade so wenig von mir hört und lest, liegt darin begründet, dass ich mich in den Dschungel der wissenschaftlichen Literatur begeben habe und von Forschungslücke zu Forschungslücke stolpere. Es ist sooooo spannend, aber gleichzeitig auch sehr frustrierend herauszufinden, dass zahlreiche, für die Pferdegesundheit relevante und einschneidende Interventionen weniger auf Fakten, sondern eher auf Interpretationen derselben beruhen. Andere und teils konträre Interpretationen wären wissenschaftlich ebenso zulässig, wie es die allgemein akzeptierten sind.
Wissenschaftliche Arbeit steht und fällt mit dem Studiendesign, mit den beobachteten Parametern und nicht zuletzt mit dem Erklärungsmodell. Bisher habe ich mich vor allem damit befasst, wie sich die "logischen" Schlussfolgerungen verändern, wenn das allgemein akzeptierte Erklärungsmodell durch ein anderes ersetzt wird. Sprich: Was verändert sich, bei der Interpretation von Forschungsdaten, wenn man beispielsweise das Hebelmodell gegen das Zugspannungsmodell austauscht?
Noch viel spannender wird es aber, wenn sich der Fokus von den Pathologien und der Vermeidung derselben hin zu den physiologischen Möglichkeiten verschiebt. Diesen Schritt habe ich ja in der Arbeit über den progressiven Struktur- und Funktionswandel beschrieben.
Da die Hufgeometrie dort als wesentliche Stellschraube vorgestellt wird, die Ergebnisse professioneller Hufbearbeitung sich aber häufig als nicht zielführend erwiesen haben, habe ich mich weiter in die Materie vertieft.
Vielleicht ist von meiner Beschäftigung mit Goethe in der Schule doch mehr hängengeblieben als gedacht. Für Goethe war Morphologie die “Wissenschaft von den Gestalten in ihrer Verwandlung”. Für ihn war die momentane Form eines Wesens Ausdruck eines bestimmten Gesetzmäßigkeiten folgenden, fortlaufenden Bildungsprozesses.
Und so sehe ich den Huf als Ausdruck eines solchen fortlaufenden Bildungsprozesses, der aber anderen Gesetzmäßigkeiten zu folgen scheint, als häufig behauptet wird. Mit meinen Fragestellungen versuche ich, das geistige Band zu erhalten, dessen Fehlen Goethe in der beschreibenden Wissenschaft bemängelte.
Wer will was Lebendigs erkennen und beschreiben,
Sucht erst den Geist heraus zu treiben,
Dann hat er die Teile in seiner Hand,
Fehlt leider! nur das geistige Band.
Vielleicht, habe ich mir gedacht, gibt der Huf ja die Antworten, die es braucht, um ihm gerecht zu werden. Vorausgesetzt, man gibt ihm eine Chance.
- Was genau versucht der Huf zu erreichen, und unter welchen Bedingungen kann er damit erfolgreich sein?
- Welches Gestaltungsprinzip führt dazu, dass sich der Huf unter dieser Belastung so und nicht anders entwickelt?
- Unter welchen Bedingungen kommt ein Pferd in einen positiven Entwicklungszyklus, der alle Strukturen und Funktionen mitnimmt?
Diese Art der Fragestellung führte zuerst in ein wildes Brainstorming. Dann folgte die Recherche. Nicht: ”Welche wissenschaftlichen Arbeiten unterstützen meine Ideen?” Sondern: “Welche Studienergebnisse widersprechen meinen Annahmen?”
Und schon befinden wir uns auf dem Abenteuerspielplatz Forschungslücke. Dort findet übrigens auch das Kursprojekt “Der Huf als Interface” statt, als gemeinsames Forschungsprojekt mit ausführlicher Dokumentation. Es sieht so aus, als könnten wir die eine oder andere Forschungslücke füllen, und ich bin meinen Teilnehmerinnen für ihr Engagement sehr dankbar.
Bei allem Spaß an der Forschung sollte ich nicht vergessen, dass meine Arbeit auch gelegentlich ein paar Einnahmen generieren sollte. Deshalb weise ich an dieser Stelle mal darauf hin, dass es noch Crowdfunding-Anteile zu erwerben gibt und ab Ende des Monats die nächste und für 2026 letzte Kursstaffel anläuft. Genau diese Kurse und das Crowdfunding finanzieren die Zeit, die ich in Literaturrecherche, Datenauswertung und wissenschaftliche Arbeit investieren kann. Und als Kursteilnehmer*innen seid ihr nicht nur dabei – ihr seid Teil des Forschungsprojekts.
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