Auf der Suche nach Evidenz

Maren Diehl • 30. Juli 2026
Der Schreibtisch

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Ich habe ein Abo, das mir Vorschläge für interessante Paper macht. Das heutige so:

Die Autoren untersuchen 120 Sportpferde aus vier Disziplinen und kommen zu einem erstaunlichen Ergebnis:

  • 96 % hatten eine gebrochene Huf-Fessel-Achse 
  • 88–95 % hatten Trachtenzwang (nach Turner, Strahlbreite < 67% der Strahllänge).
  • Rund 60 % hatten untergeschobene Trachten (nach Turner, -5% Abweichung zum Zehenwandwinkel).
  • Über ein Drittel hatte mediolaterale Ungleichgewichte. 
  • 80,5 % der Pferde hatten eine für ihr Körpergewicht normale Zehenlänge (nach Balch), weshalb lange Zehen nicht die Ursache der beobachteten Probleme sein könnten.

Die Autoren schlossen: Wenn fast alle Pferde eine „normale“ Zehenlänge hatten und trotzdem fast alle eine gebrochene Huf-Fessel-Achse und Trachtenzwang aufwiesen, konnte die Zehenlänge allein diese Befunde nicht erklären.


(Biometric hoof evaluation of athletic horses of show jumping, barrel, long rope and polo modalities by Carmem Estefânia Serra Neto Zúccari and Beatriz Bertozzo 2013, Revista Brasileira de Saúde e Produção Animal, https://doi.org/10.1590/S1519-99402013000300017)

Wenn man nun überlegt, dass die Besitzer von Sportpferden Profis dafür bezahlen, dass ihre Pferde bestmöglich behuft sind und eine ungebrochene Huf-Fessel-Achse eigentlich der heilige Gral der Hufschmiedezunft ist, kommen Fragen auf. Aber die muss die Hufschmiedezunft beantworten.

Da ich den Dingen gerne auf den Grund gehe, habe ich mich gefragt, wo denn das Normmaß für die Zehen herkommt. Gefunden habe ich die Arbeit von Balch, aus der die “normale” Zehenlänge für das oben genannte Paper übernommen wurde.

Nach Balch, White & Butler (1991) gelten als praktische Richtwerte für die Zehenlänge der Vorderhufe: 

  • Kleine Pferde (ca. 360–400 kg): 7,6 cm (3,0")
  • Mittelgroße Pferde (ca. 425–475 kg): 8,3 cm (3,25")
  • Große Pferde (ca. 525–575 kg): 8,9 cm (3,5") 

Zusätzlich schreiben die Autoren, dass bei Barhufpferden auf abrasivem Untergrund die Zehenlänge etwa 0,5–0,6 cm länger sein kann. Außerdem betonen sie ausdrücklich, dass es sich um Richtwerte handelt und zahlreiche Ausnahmen existieren.

Im Fazit des Papers ist zu lesen:

  • Viel unsachgemäßes oder unangepasstes Ausschneiden wird nur deshalb toleriert, weil die so behandelten Pferde nicht stark beansprucht werden.
  • Dass viele talentierte Sportpferde ihr volles Potenzial nicht erreichen, könnte eher mit wiederkehrenden Phasen subtiler Hufschmerzen als mit einer offensichtlichen Lahmheit zusammenhängen.
  • Unserer Meinung nach ist es ein Beweis für die außergewöhnliche Robustheit des Pferdes, dass unausgewogene Hufbearbeitung nicht zu noch mehr klinisch sichtbaren Lahmheiten führt.

Und dann geht es tiefer ins Rabbit Hole mit der von Balch et al empfohlenen geraden Huf-Fessel-Achse. Ich hatte mich schon öfter gefragt, wo die herkommt (“Das weiß doch jeder!”). Die ist erstaunlicherweise (Spoiler) nur eine biomechanische Plausibilitätsannahme und keine empirisch validierte Größe. Die Idee existiert seit 1891 (Lungwitz) und wird in praktisch jedem mir bekannten Text über Hufbearbeitung übernommen (und spätestens seit den 1970er/80er Jahren auch in die Grundlagen der Veterinärmedizin), ohne dass es jemals eine prospektive Langzeitstudie gegeben hätte, ob Pferde mit der gewünschten Idealstellung tatsächlich langfristig leistungsfähiger und gesünder wären.

(Immer wieder taucht die Formulierung "accepted as ideal" auf. Nicht "shown", nicht "demonstrated", sondern "accepted". Das ist sprachlich ein deutlicher Unterschied.)

Wenn wir nun die Hebelberechnungen als nicht kompatibel mit Pferdebeinen betrachten, weil das biotensegrale Zugspannungsmodell in unseren Augen plausiblere Erklärungen bietet als das Hebelmodell, sind wir in Sachen Huf-Fessel-Achse wissenschaftlich also ebenso fundiert unterwegs wie die Vertreter der Hebellehre. Wissenschaftlich korrekt ausgedrückt müsste das heißen:

"Die derzeitige Evidenz reicht aus unserer Sicht nicht aus, um das Hebelmodell als einziges oder bestes Erklärungsmodell anzusehen. Ein Zugspannungs- bzw. biotensegrales Modell erklärt zahlreiche Beobachtungen mindestens ebenso gut und in einigen Bereichen möglicherweise besser. Welche Beschreibung die Realität besser trifft, muss experimentell geprüft werden.”

Also: Das biotensegrale Erklärungsmodell besitzt bezüglich der Huf-Fessel-Achse derzeit keine geringere empirische Grundlage als das klassische Hebelmodell. Beide beruhen auf biomechanischen Plausibilitätsannahmen und müssen sich an ihrer Vorhersagekraft und ihrer Übereinstimmung mit experimentellen Beobachtungen messen lassen.

Der entscheidende Unterschied entsteht dann erst durch die gewonnenen Daten aus Langzeitstudien.

Ein erheblicher Teil der “selbstverständlichen” Grundlagen ist also einfach oft genug abgeschrieben, zitiert und eben als Grundlage angenommen worden, ist aus der Praxis (“Na gut, darauf können wir uns einigen”) nach und nach in die Veterinärmedizin diffundiert. Weil diese Annahmen berechenbar sind, weil sie plausibel erscheinen, weil sie ins gewählte Modell passen.

Eine solche Mehrheitsentscheidung hat Macht, aber ohne empirische Validierung handelt es sich einfach um eine überlieferte, weit verbreitete Meinung.

Es ist keine Frage, dass es zahlreiche pathologische Versionen einer gebrochenen Huf-Fessel-Achse gibt. Aber das bedeutet nicht, dass eine ungebrochene Achse zwingend physiologisch ist, und es bedeutet ebensowenig, dass jede gebrochene Achse pathologisch ist.

Further research required!


 

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