Die Hufunterseite ist die Kontaktebene zwischen Pferd und Boden, ein Interface, dessen Qualität und Geometrie beeinflusst, was das Pferd mit seinem Körper tun und wie effizient und verschleißarm es sich bewegen kann. So betrachtet, geht es viel eher um eine gut funktionierende Schnittstelle als um die “richtige” Form.
Deshalb ist, nach der Veröffentlichung unseres PSF-Papers, die logische Fortsetzung meiner Arbeit, die im PSF-Modell definierten “Stellschrauben” genauer anzuschauen. Zum Lumbosakralgelenk habe ich bereits viel geschrieben und auch die zwei Video-Sets produziert, die im Shop erhältlich sind. Was aber die Hufe angeht, habe ich mich viel zu lange darauf ausgeruht, dass es für die Hufbearbeitung schließlich Profis gibt.
Das Problem mit den Profis bestand darin, dass ihre Grundannahmen mit meinen kollidierten, insbesondere bei den Themen Zehenhebel, Funktionalität und Fußung, und dass sie offensichtlich für andere Pferde Lösungen hatten, als die nach meinem Konzept trainierten. Der Fokus schien allgemein auf der Vermeidung von Hebelkräften zu liegen, was für den PSFplus- Zyklus zielführende Bewegungsoptionen zuverlässig ausschloss.
(Einen Teil meiner Erfahrungen hatte ich [hier]
bereits beschrieben.)
Die Erkenntnis, dass ein annähernd bodenparalleles Hufbein die besten Voraussetzungen für effizientes Bewegen bietet, hat die Auswahl an kompatiblen Fachleuten ebenfalls stark eingeschränkt. Mit der Forderung nach einer vollständigen Zehe, ebensolchen Wänden und nach der Bearbeitung lahmfreien Pferden ging die Schnittmenge gegen Null. Gleichzeitig befanden immer mehr Pferde, dass etwas mehr Huf durchaus komfortabel sein kann, weshalb immer mehr Kursteilnehmer*innen die Hufbearbeitung selbst übernommen haben.
Besagter Komfort des Pferdes gehört heute für mich ganz oben auf der Prioritätenliste. Lahmheiten nach der Bearbeitung, die bei professioneller Hufbearbeitung häufig vorkommen, sind für mich zum Ausschlusskriterium für Bearbeitungsmaßnahmen geworden.
Deshalb sah ich mich in der Pflicht, auch zur Hufbearbeitung ein Konzept zu erarbeiten, das meinen Kursteilnehmer*innen eine sichere Grundlage gibt. Ich hatte zwar vorher auch schon viele Jahre lang regelmäßig Hufe meiner Berittpferde bearbeitet, aber so richtig klar war mir nicht, was “man” warum wie macht.
Seit über drei Jahren ergründe ich jetzt die strukturellen Bedingungen, die die Hufbearbeitung für die Pferde schafft. Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht herauszufinden, was warum (nicht) funktioniert und wie das alles mit den Theorien von Bodenreaktionskräften, Biotensegrität und funktioneller Anatomie sowie dem progressiven Struktur- und Funktionswandel zusammenhängt.
Dabei habe ich selbst sehr viel gelernt, weil meine Überlegungen und die Fragen meiner Kursteilnehmer*innen mich in immer interessantere Gefilde gezogen haben, aber auch, weil die Pferde sowohl auf kleine Anpassungen als auch auf größere Umstellungen erstaunlich positiv reagiert haben.
Diese positiven Reaktionen reichen von sich wieder freiwillig die Hufe bearbeiten lassen über das Stehen mit senkrechten Röhrbeinen auch auf harten Böden bis hin zu “ordentlichem Zutreten” statt Bodenvermeidung, taktreinen Gängen und zunehmender Reitbarkeit auch ohne Hufschuhe.
Der häufige Vorwurf von “Laienpfusch” hat mich sehr angespornt, das Konzept verständlich zu machen und die Hufbearbeitung eher als eine Gestaltung der Rahmenbedingungen zu vermitteln denn als Herstellung einer bestimmten Hufform. Das Ergebnis dieser Arbeit ist übrigens der Kurs'Der Huf als Interface – systemisch denken, Fußung verstehen', der seit Mai läuft.
Allerdings empfehle ich sehr, mindestens ein Tothufbearbeitungsseminar zu machen, egal wo. Die Anatomie ist im Prinzip immer gleich und der handwerkliche Teil der Hufbearbeitung lässt sich ohne Verletzungsgefahr für das eigene Pferd am Tothuf bestens üben.
Durch die Entscheidung, “Komfort als Steuergröße” ganz oben auf die Prioritätenliste zu setzen und die PSF-Marker im Auge zu behalten, findet die Hufbearbeitung innerhalb eines zuverlässigen Biofeedbacksystems statt. Die Hufe sind Teil eines Regelkreises und in diesem wesentliche Stellschrauben. Ob ein Pferd sich im Zyklus des progressiven Struktur- und Funktionsverlusts oder dem des progressiven Struktur- und Funktionsgewinns befindet, lässt sich anhand weniger Marker erkennen (die Übersetzung des Papers “Progressive structural and functional change – a conceptual framework for equine (patho-)physiology” und alle Links findet ihr hier).
Wenn ihr euch jetzt fragt, wie es um die Hufe eures Pferdes bestellt ist, betrachtet zuerst, was das Pferd kann und was nicht. Mehrere PSFminus-Marker sind ein Zeichen dafür, dass die Hufe Teil eines Problems sind, das sich als maladaptiver Zyklus zeigt. Das Pferd befindet sich dann in einem Kreislauf schmerzvermeidender Anpassungen, von denen keine in den PSFplus-Zyklus führt, unabhängig davon, ob es sich um Maßnahmen des Pferdes oder menschliche Intervention handelt.
Die Entwicklung lässt sich in den meisten Fällen umkehren: PSFminus muss kein endgültiger Zustand sein, aber der Wandel muss systemisch angegangen werden. Wenn man sich darauf einlässt, beginnen interessante Entwicklungen!
Auf dem Bild zum Post seht ihr Saanie auf Wanderritt und seinen früheren Problemhuf.
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