Wissenschaft und das wirkliche Leben

Maren Diehl • 10. Januar 2026
Grafik mit vier unterschiedlich bearbeiteten Hufen

Dieser Text ist aus der Notwendigkeit entstanden, wiederkehrende begriffliche und konzeptionelle Unschärfen in aktuellen Diskussionen über Hufmechanik, Bodenreaktionskräfte und Biotensegrität zu klären. Er richtet sich nicht gegen einzelne Personen, sondern gegen ein strukturelles Muster: die Vermischung unterschiedlicher Erklärungsebenen und die daraus entstehenden Fehlinterpretationen.

Ziel ist es, deutlich zu machen, wo die Grenzen bestimmter Modelle liegen und was sie leisten können sowie Maßstäbe für wissenschaftliche Erklärungen klar zu benennen.

■  Biotensegrität ist ein strukturelles Organisationsmodell lebender Systeme, das beschreibt, wie Kräfte innerhalb eines lebenden Körpers aufgenommen, verteilt, gespeichert und genutzt werden.

Ein Ansatz, der Biotensegrität als Wissenschaft anerkennt, kann die praktische Arbeit mit diesem Modell nicht gleichzeitig als lächerlich oder unwissenschaftlich abwerten. Beides schließt sich logisch aus. Entweder ist das Modell wissenschaftlich relevant – dann gehört es in das Gesamtbild integriert –, oder es ist es nicht. Wird Biotensegrität als moderne wissenschaftliche Erkenntnis beansprucht, ohne zu berücksichtigen, was sie strukturell beschreibt und wie sich diese Strukturen in der Realität verhalten, bleibt es bei rhetorischer Vereinnahmung.

Kontaktflächenmodelle beschreiben lokale Druck- und Kraftverhältnisse und ermöglichen deren Berechnung. Biotensegrität beschreibt die strukturelle Organisation des Gesamtsystems. Diese Erklärungsebenen sind nicht austauschbar.

Bodenreaktionskräfte wirken stets auf den Schwerpunkt des Systems, unabhängig davon, über welche Kontaktfläche sie auf den Körper wirken. In der Bewegung befindet sich der Schwerpunkt eines Pferdes dabei in der Regel nicht über der jeweiligen Bodenkontaktfläche. Dennoch werden Impulse vom Boden effektiv aufgenommen, gespeichert und für Bewegung und Stabilisierung genutzt. Die Wirksamkeit dieser Kräfte ergibt sich aus der Organisation des Gesamtsystems, nicht aus der Geometrie der Kontaktfläche in Bezug auf einen Referenzpunkt allein.

Biotensegrale Stabilität und Bewegung entstehen nicht an der Kontaktfläche, sondern aus der Organisation des gesamten Systems. Die Kontaktfläche ist die Eintrittsfläche der Kräfte, aber nicht der Ort ihrer Wirkung.

Ein Modell, das ausschließlich Kontaktkräfte in Bezug auf einen bestimmten Punkt der Anatomie analysiert, kann Biotensegrität weder bestätigen noch widerlegen. Es operiert auf einer anderen Erklärungsebene.

Wissenschaftlichkeit besteht darin, zutreffende Modelle zu entwickeln und diese Modelle daran zu messen, ob sie erklären, was real beobachtet wird. Modelle müssen dabei nicht die gesamte Realität abbilden, wohl aber wesentliche Teilaspekte korrekt darstellen. Richtig gerechnet ist noch nicht gut erklärt.

Modellgrenzen und lebendige Systeme

Zu einem wissenschaftlich sauberen Modell gehört auch die Fähigkeit, seine eigenen Grenzen zu erkennen. Modelle müssen nicht alles erklären können, aber sie müssen kenntlich machen, welche Phänomene außerhalb ihres Erklärungsbereichs liegen.

Rein rechnerische Modelle sind geeignet, klar definierte, stark eingeschränkte Situationen formal korrekt zu beschreiben. Sie sind jedoch nicht in der Lage, die offene Lösungsvielfalt lebender Systeme zu erfassen. Lebende Wesen verfügen über zahlreiche gleichwertige Bewegungs- und Problemlösungen, die sich situationsabhängig, adaptiv und nicht vorab festgelegt entfalten. Diese Vielfalt ist kein Störfaktor, sondern eine grundlegende Eigenschaft biologischer Systeme.

Ein Rechenmodell, das implizit eine bestimmte „richtige“ Lösung vorgibt, legt damit Antworten auf Fragen fest, die das Leben selbst nicht stellt. Es reduziert reale Bewegungsorganisation durch Normierung auf ein vorgegebenes Ergebnis.

Ein Modell mit Erklärungsanspruch muss aber auch in der Lage sein, stabile und wiederholbare Beobachtungen zu erklären, selbst dann, wenn sie seinen eigenen Vorhersagen widersprechen. Dazu gehört die Beobachtung, dass bei einer großen Zahl von Pferden ein Vorderhuf mit einem Zehenwandwinkel von etwa 45° bis 47°, bei erhaltener vollständiger Zehe, funktional stabil arbeitet.

Dazu gehört ebenso die nachweisbare Tatsache, dass Pferde mit zuvor mehrfachen, chronischen oder rezidivierenden Pathologien unter diesen Bedingungen belastbar, lahmfrei und dauerhaft stabil werden. Kann ein Modell diese Beobachtungen nicht erklären und wertet sie stattdessen als Ausnahme, Fehler, Zufall oder „falsche Anwendung“ ab, dann scheitert es an der Wirklichkeit.

Wo ein Modell die komplexe Problemlösungsfähigkeit lebender Systeme nicht abbilden kann, markiert dies keine Schwäche der Praxis, sondern die Grenze des Modells.


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